Es geht um mehr als «Frauenförderung»

Seit Jahren fordern wir familienfreundliche Unternehmen und entsprechende Bemühungen der Wirtschaft. Dass die Frauen jetzt vermehrt in die Chefetagen kommen, löst das Problem aber nicht.

Der Frauenanteil in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten von Schweizer Unternehmen hat über die letzten 10 Jahre stagniert. Die Quote hat sich kaum bewegt und ist bei plus-minus 5 (!) Prozent stehen geblieben:

Frauen unter GL-Mitgliedern (1).png

Gemäss dem Schillingreport 2017 kommt jetzt Bewegung in die Sache. Der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen der grössten 100 Schweizer Firmen hat deutlich zugelegt (auf 8 Prozent). Und es dürfte sich dabei nicht bloss um einen einmaligen Ausreisser handeln: Eine Gender-Diversity-Pipeline zeigt, wie gross das Potenzial der Unternehmen ist, um zukünftig mehr Frauen in Spitzenpositionen berufen zu können.

Der Trend, dass wir immer mehr Frauen in den oberen Etagen von grossen Unternehmen antreffen, wird noch eine Weile anhalten.

Gute Nachrichten also! Problem solved, mission accomplished!

Das hätte die Wirtschaft gern. Leider ist es – man ahnt es – nicht ganz so einfach und schön.

Denn erstens kommt diese Entwicklung natürlich zu spät – sie hätte schon vor zehn Jahren eintreten sollen. Und zweitens werden die Frauen, wenn sie auch ab jetzt zahlreicher in die oberen Etagen strömen, ein anderes Nachwuchs-Problem der Wirtschaft nicht lösen können: Der generelle Mangel an Führungskräften, der auf uns zukommt.

Die Lust am Führen und die Lust, Manager zu sein, nimmt bei den jungen Menschen nämlich ab.

Sie wollen stattdessen: Leben! Zeit für die Familie und Freunde haben! Sie wollen auch arbeiten. Aber nicht bis zum Umfallen, bzw. bis zum Burnout.

Geld verdienen will die junge Generation auch. Aber es müssen nicht die Millionen sein, von denen wir vielleicht noch träumten. Und über die Höhe ihres Vorsorgekapitals machen sich junge Leute sowieso keine Illusionen mehr.

Also lieber jetzt etwas bewegen und sinnvolle Arbeit verrichten, statt sich als Hamster im Rad zu drehen. Das Wort «Manager» scheint gerade massiv an Reiz zu verlieren.

Auf dieses Problem hat die Wirtschaft aber noch keine Antwort. Und sie will es irgendwie auch nicht hören. Dabei steht es jetzt vor der Tür, und nicht erst in ein paar Jahren.

Die Lösung?

Familienfreundliche Modelle, Job-Sharing, neue Arbeitszeitmodelle, flexiblere Arbeitszeiten, Familienzeit: all das, was die NZZ kürzlich für ihre Mitarbeitenden in Aussicht gestellt hat.

Doch der grösste Teil der Wirtschaft stellt bis anhin auf stur.

Eine Führungsposition könne man halt immer noch nur mit 150-prozentigem Einsatz haben, Job-Sharing sei da völlig unmöglich, hören wir immer wieder.

Noch mehr: Die Wirtschaft schreibt sich auf die Fahne, dass sie familienfreundliche Modelle fördere, damit «die Mütter» endlich mehr arbeiten könnten. Aber es sind nicht mehr bloss «die Mütter», die anders arbeiten wollen. Es sind auch «die Väter» und «die Partner», die keinen Bock mehr auf einen 150-Prozent-Job haben.

Arbeit muss sich lohnen, muss Sinn machen und sie muss zu bewältigen sein, damit junge Leute noch Lust haben, sich überdurchschnittlich ins Zeug zu legen.

Oder warum hat die NZZ wohl einen so «netten» Brief an ihre Mitarbeiter geschrieben? Weil sie einfach nett sein will? Oder weil sie es als notwendig erachtet? Hmmm ... Schwierige Frage, oder?

Nicht.

Statt sich immer noch zu überlegen, wie man «die Mütter» in den Beruf zurückholen kann, sollten wir uns ziemlich rasch überlegen, wie die Generation Y überhaupt noch in die Führungspositionen kommt. Und wie diese Führungspositionen ausgestaltet sein müssten, damit sie attraktiv bleiben – für Männer und Frauen und alle dazwischen. Für Väter, Mütter, Partnerinnen und Partner, Töchter und Söhne.

Denn wir befinden uns im Jahr 2017!

Oder wie es Anne Hathaway sagt: